Fünf Generationen auf dem Sofa

A2 Leseverstehen

So ein Foto gibt es nur selten: fünf Generationen auf dem Sofa. Zusammen sind sie 244 Jahre alt: Sandras Ururgroßmutter Maria (94), Sandras Urgroßmutter Adele (74), Sandras Großmutter Ingeborg (50), Sandras Mutter Ulrike (23), Sandra (2).
Zwischen der Ururgroßmutter und Ururenkelin liegen 92 Jahre. In dieser Zeit ist vieles anders geworden, auch die Familie und die Erziehung.

Mit dreißig hatte sie schon sechs Kinder
Maria lebt in einem Altersheim. Trotzdem ist sie nicht allein: eine Tochter oder ein Enkelkind ist immer da, isst mit ihr und bleibt, bis sie im Bett liegt. Maria ist sehr zufrieden – viele alte Leute bekommen nur sehr selten Besuch. Marias Jugendzeit war sehr hart. Eigentlich hatte sie nie richtige Eltern. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater. Ihre Mutter vergaß ihn nie und dachte mehr an ihn als an ihre Tochter. Maria war sehr oft allein, aber das konnte sie natürlich mit zwei Jahren nicht verstehen. Ihre Mutter starb, als sie 14 war. Maria lebte dann bei ihrem Großvater. Mit 17 heiratete sie, es war damals normal. Ihr erstes Kind, Adele, bekam sie, als sie 19 war. Mit 30 hatte sie schließlich sechs Kinder.
Sie wurde nur von dem Kindermädchen erzogen
Adele lebte als Kind in einem gutbürgerlichen Elternhaus. Wirtschaftliche Sorgen kannte die Familie nicht. Nicht die Eltern, sondern ein Kindermädchen erzog die Kinder. Sie hatten auch einen Privatlehrer. Adele konnte sich nie richtig mit den Eltern unterhalten; sie waren ihr immer etwas fremd. Was sie sagten, mussten die Kinder unbedingt tun. Wenn z.B. nachmittags die Mutter schlief, durften die Kinder nicht laut sein und spielen. Manchmal gab es auch Ohrfeigen. Als sie 15 war, kam Adele in eine Mädchenschule. Dort blieb sie bis zur mittleren Reife. Dann lernte sie Kinderschwester, musste aber wegen des Krieges die Ausbildung abbrechen. Eigentlich fand sie es nicht so wichtig, einen Beruf zu haben, denn sie wollte auf jeden Fall lieber heiraten und eine Familie haben. Auf Kinder freute sie sich besonders. Die wollte sie dann aber freier erziehen, als sie selber erzogen wurde; an ihre eigene Kindheit dachte sie schon damals nicht so gerne zurück.
Das Wort der Eltern war Gesetz
Ingeborg hatte ein wärmeres und freundlicheres Elternhaus als ihre Mutter Adele. Sie fühlte sich bei ihren Eltern immer sicher. Aber trotzdem, auch für sie war das Wort der Eltern Gesetz. Wenn z.B. Besuch zu Hause war, dann mussten die Kinder gewöhnlich in ihrem Zimmer sein und ganz ruhig sein. Am Tisch durften sie nur dann sprechen, wenn man sie etwas fragte. Die Eltern haben Ingeborg immer den Weg gezeigt. Selbst hatte sie nie Wünsche gehabt. Auch in ihrer Ehe war es so. Deshalb versucht sie jetzt mit 50 Jahren, selbständiger zu sein und mehr an sich selbst zu denken. Aber weil Ingeborg es früher nicht gelernt hat, ist es für sie natürlich nicht leicht.
Der erste Rebell in der Familie
Ulrike wollte schon früh anders als ihre Eltern leben. Für sie war es nicht mehr normal, das zu tun, was die Eltern sagten. Noch während der Schulzeit zog sie deshalb von zu Hause aus. Ihre Eltern konnten das am Anfang nur schwer verstehen. Mit 21 bekam sie ein Kind, aber den Mann wollte sie nicht heiraten. Trotzdem blieb sie mit dem Kind nicht allein. Ihre Mutter, aber auch ihre Großmutter, halfen ihr. Beide konnten Ulrike sehr gut verstehen. Denn sie wollten in ihrer Jugend eigentlich anders als ihre Eltern leben, konnten das aber nicht.
Sie bekommt sehr viel Liebe
Die kleine Sandra wird von allen geliebt. Die Erwachsenen wollen, dass das kleine Mädchen eine schönere Kindheit hat als sie selbst. Sandra muss ins Bett nur, wenn sie müde ist, und sie soll auch nicht brav in ihrem Stuhl sitzen. Sie kann spielen, wo und wann sie möchte, denn sie wird schon jetzt frei erzogen. Die Wünsche des kleinen Kindes zu akzeptieren – das wäre früher natürlich unmöglich gewesen.

Antworten Sie auf die Fragen

1. Wurden Sie in der Kindheit frei erzogen? Wurden Ihre Wünsche von den Eltern akzeptiert? Waren Sie ein braves Kind? Durften Sie vieles machen oder war das Wort der Eltern das Gesetz?

2.Haben die Eltern Ihnen immer den Weg gezeigt oder sind Sie selber entschlussfreudig?

3.Haben Sie etwas Rebellisches in Ihrem Charakter? Mögen Sie gegen etwas protestieren?

4.Verstehen Sie die Entscheidung von Ulrike, ein Kind zu bekommen, ohne zu heiraten? Ist es gut für das Kind?

Befragen Sie Ihre Eltern davon, wie sie erzogen wurden. Äußern Sie sich schriftlich zur Frage „Kindererziehung“ anhand des Textes und der Aussagen Ihrer Verwandten

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